20. August 2026

Verkümmert unsere Intelligenz durch KI? Erste Daten.

Die Industrialisierung nahm uns die körperliche Arbeit ab. Nimmt KI uns jetzt das Denken? Kurz-, mittel- und langfristige Prognose mit ersten Studien-Ergebnissen.

Vor zweihundert Jahren wanderten die Menschen in die Fabriken. Die Dampfmaschine übernahm, was zuvor Muskeln und Sehnen taten. Weniger als hundert Jahre später zeigte sich, was diese Entlastung mit dem Körper anstellte: Bewegungsmangel wurde zum grössten Gesundheitsrisiko der industrialisierten Welt. Wir hörten auf, zu Fuss zu gehen, und mussten uns Fitness danach zurückkaufen.

Und jetzt, mit dem Aufstieg von ChatGPT, Claude und Gemini, drängt sich die unvermeidliche Frage auf: Wird die Kopfarbeit gerade denselben Weg gehen? Werden wir in fünfzig Jahren «kognitive Fitness-Studios» brauchen, weil unser Denken atrophiert ist wie unsere Rückenmuskulatur?

Die ehrliche Antwort lautet: Wir wissen es nicht. Aber die ersten Studien sind da, und sie sind unbequem.

Was die MIT-Forscherinnen unter dem EEG entdeckten

Im Juni 2025 hat das MIT Media Lab eine Studie mit dem Titel «Your Brain on ChatGPT» publiziert[1]. 54 Personen zwischen 18 und 39, aus dem akademischen Umfeld von Boston, sollten in mehreren Sitzungen Aufsätze schreiben. Eine Gruppe nutzte ChatGPT, eine Gruppe eine Suchmaschine, eine Gruppe nur den eigenen Kopf. Dabei wurde ihre Gehirnaktivität per EEG gemessen.

Die Ergebnisse sind das, was Wissenschaft «robust» nennt und was ich hier direkt zitiere:

  • Die Hirn-Konnektivität der ChatGPT-Gruppe war bis zu 55 Prozent geringer[2] als bei den Nur-Kopf-Schreibenden.
  • 83 Prozent der ChatGPT-Nutzer konnten unmittelbar nach dem Verfassen ihres eigenen Aufsatzes keinen einzigen Satz daraus zitieren. Bei der Nur-Kopf-Gruppe waren es etwa 11 Prozent.
  • Nach vier Sitzungen zeigten diejenigen, die vorher ChatGPT genutzt hatten und nun ohne Hilfe schreiben mussten, weiterhin verminderte Hirnaktivität. Die Autorinnen nennen das «cognitive debt», also kognitive Verschuldung.

Nataliya Kosmyna, die Leiterin der Studie, betont mehrfach, dass das Ergebnis noch nicht peer-reviewed und die Stichprobe klein ist. Nichts davon beweist, dass ChatGPT «dumm macht». Aber es zeigt sehr klar: Wer dem Werkzeug das Denken abgibt, denkt in dieser Zeit weniger. Das war zu erwarten. Was neu ist: es hinterlässt Spuren, die kurz nach dem Werkzeug-Einsatz noch messbar sind.

Und die Studie ist nicht allein

Sechs Monate vor dem MIT-Papier hatten Microsoft Research und Carnegie Mellon eine Umfrage unter 319 Wissensarbeitern veröffentlicht[3]. Kernbefund: Wer der KI stark vertraut, denkt weniger kritisch. Wer sich selbst mehr zutraut, prüft die Ausgaben der KI häufiger und intensiver.

Zwischen 55 und 79 Prozent der Wissensarbeiter geben an, dass sie mit KI weniger kognitive Anstrengung in Aufgaben wie Wissenserwerb, Analyse und Synthese investieren. Die Rolle verschiebt sich, so die Forschenden, von «Arbeit ausführen» zu «KI-Ausgaben überwachen». Klingt bequem. Ist es auch. Und genau darum ist es gefährlich.

Die Industrialisierung als Vorlage

Die Parallele zur körperlichen Arbeit ist nicht nur rhetorisch. Sie ist strukturell.

Vor der Industrialisierung war körperliche Anstrengung in fast allen Berufen selbstverständlich. Landwirtschaft, Handwerk, Transport. Der Körper war der Motor. Der Übergang in die Fabrik nahm dem Menschen einen grossen Teil dieser Anstrengung ab, dafür kamen andere: Monotonie, Enge, Lärm. Aber die Muskelmasse wanderte langsam ab.

Zwei, drei Generationen später sitzen wir im Büro. Zwei bis vier Prozent aller Schweizer erfüllen die von der WHO empfohlene Bewegungsmenge. Rückenschmerzen sind Volkskrankheit Nummer eins. Wir haben Fitness-Studios erfunden, um uns zurückzukaufen, was uns die Bequemlichkeit genommen hat.

Wenn KI nun mit der kognitiven Arbeit dasselbe macht, wäre die Parallele: Kurzfristig fühlen wir uns effizient und entlastet. Mittelfristig verlernen wir das, was wir nicht mehr täglich üben. Langfristig kaufen wir uns kognitive Fitness zurück, wenn wir merken, was uns fehlt.

Der Unterschied: Die körperliche Verkümmerung war messbar in Rückenschmerzen und Herzinfarkten. Die kognitive wäre schwerer zu erkennen, weil die Symptome subtiler sind und weil KI selbst die Diagnose erschwert. Wer noch schreiben, argumentieren, planen kann, weil eine KI ihn dabei unterstützt, merkt vielleicht erst, dass er es nicht mehr allein kann, wenn die KI ausfällt.

Kurzfristig: Was wir bereits sehen

In den nächsten zwei bis drei Jahren wird sich Folgendes wahrscheinlich verfestigen.

Erstens: Schreiben wird zu einer Praxis der Bearbeitung, nicht des Verfassens. Nicht der leere Bildschirm ist der Startpunkt, sondern eine KI-Erstversion. Menschen bearbeiten, korrigieren, kürzen. Das eigene Denken beginnt später und weniger tief.

Zweitens: Rechnen, Recherche und Faktencheck werden weitgehend an KI delegiert. Fehler in der Ausgabe fallen weniger auf, weil weniger Vergleichsmaterial im Kopf ist.

Drittens: Kinder und Studierende, die mit KI aufwachsen, entwickeln eine andere Verhaltensroutine. Nicht schlechter oder besser, aber anders. Sie werden mehr Zeit mit dem Kuratieren und Bewerten von KI-Ausgaben verbringen und weniger mit dem eigenständigen Erarbeiten von Antworten.

Was in dieser Phase ehrlich zu sagen ist: Die Produktivität steigt. Wir schaffen mehr in derselben Zeit. Das ist ein realer Gewinn, kein Marketing-Argument.

Mittelfristig: Der Riss zwischen Anwendern und Meistern

In fünf bis zehn Jahren erwarte ich eine klare Zweiteilung.

Die eine Gruppe wird mit KI arbeiten, ohne die Grundlagen der eigenen Domäne wirklich zu beherrschen. Sie erkennen Fehler in KI-Ausgaben schlechter, weil sie sie mit dem eigenen Wissen nicht abgleichen können. Sie sind schnell, aber verwundbar.

Die andere Gruppe hat die Grundlagen weiterhin selbst geübt. Sie nutzt KI als Verstärker, nicht als Ersatz. Sie erkennt die Ausgaben als Ausgabe, nicht als Wahrheit. Sie ist langsamer bei einfachen Aufgaben, aber überlegen bei komplexen.

Die entscheidende Frage der Bildungspolitik der nächsten Jahre wird sein, wie wir sicherstellen, dass Menschen weiterhin die Grundlagen selbst lernen, bevor sie die Werkzeuge nutzen. Das ist keine akademische Frage. Es entscheidet über die Qualität der Ärzte, Ingenieurinnen, Juristen und Handwerkerinnen von morgen.

Langfristig: Was bleibt vom Menschen?

Zwanzig Jahre in die Zukunft zu schauen, ist im Techno-Bereich unseriös. Trotzdem hier ein Versuch.

Wenn KI weite Bereiche der Wissensarbeit übernimmt, wird der wirtschaftliche Wert von reiner Informationsverarbeitung weiter sinken. Was bleibt, sind drei Kategorien menschlicher Fähigkeiten, die sich schwer automatisieren lassen.

Erste Kategorie: Urteil in Unsicherheit. Situationen, in denen es keine ausreichenden Daten gibt, in denen Werte kollidieren, in denen jemand die Verantwortung tragen muss. Ärztinnen an einem komplizierten Fall. Juristinnen an einer neuartigen Rechtsfrage. Unternehmerinnen in einer disruptiven Marktphase. KI kann assistieren, aber der letzte Schnitt bleibt menschlich, weil sie die Konsequenzen nicht tragen.

Zweite Kategorie: Beziehung und Vertrauen. Alles, was Menschen von anderen Menschen erwarten. Pflege, Erziehung, Beratung in emotionalen Krisen, Führung. Die Effizienz-Rechnung geht hier oft nicht auf. Menschen wollen Menschen. Das ist keine Sentimentalität, das ist tief in unserer Evolution verankert.

Dritte Kategorie: Körperliche Präsenz. Handwerk, Pflege, Landwirtschaft, Küche. Alles, was in physischer Welt geschieht und wo Fingerspitzengefühl im wörtlichen Sinn zählt. Robotik holt auf, aber langsam. Ein guter Elektriker, der Fehler durch Hinhören findet, wird 2040 noch gebraucht.

Was in Frage kommt: die Mittelschicht der reinen Bürojobs. Sachbearbeitung, mittleres Management, standardisierte Analyse. Nicht alles davon fällt weg. Aber viele Tätigkeiten werden von zehn auf drei Personen reduziert, weil die KI den Rest schafft.

Was das mit uns macht, wenn wir uns nicht wehren

Zurück zur eingangs gestellten Frage. Verkümmert unsere Intelligenz? Die ehrliche Antwort: Sie kann verkümmern, wenn wir sie nicht mehr trainieren. Wie der Bizeps.

Die MIT-Studie ist noch nicht der Beweis dafür. Aber sie ist der erste ernst zu nehmende Fingerzeig. Und die Microsoft-Studie zeigt, dass wir bereits in der Praxis den Aufwand für kritisches Denken senken, wenn wir KI vertrauen.

Was das für den Alltag bedeutet, kann jeder selbst prüfen. Wann haben Sie zuletzt einen längeren Text ohne KI-Hilfe geschrieben? Wann eine Zahl ohne Rechner überschlagen? Wann eine Antwort formuliert, ohne vorher zu googeln? Wenn die Antworten selten sind, ist das keine moralische Frage. Es ist eine schleichende Verhaltensverschiebung.

Was zu tun wäre

Drei Empfehlungen, die weder KI-feindlich noch technikkritisch sind.

Erstens: Bewusst Räume für Ungestütztes schaffen. In einer Firma kann das ein wöchentlicher Termin sein, an dem Menschen ohne Tools zusammen denken. In der eigenen Praxis: eine Stunde am Tag, in der kein KI-Werkzeug offen ist. Nicht als Verzicht, sondern als Muskeltraining.

Zweitens: KI als Sparring-Partner nutzen, nicht als Schreibkraft. Zuerst selbst denken, dann die KI fragen, ob etwas fehlt. Nicht umgekehrt. Der Reihenfolge-Effekt ist enorm, sowohl für das Ergebnis als auch für das eigene Verständnis.

Drittens: Grundlagen weiter unterrichten und lernen. Auch wenn eine KI Grammatik korrigieren kann, muss ein Mensch sie selbst können. Auch wenn ein Rechner alles ausrechnet, muss ein Mensch Grössenordnungen im Kopf abschätzen können. Grundlagen sind die Voraussetzung, um KI überhaupt sinnvoll zu nutzen.

Ein persönliches Fazit

Ich schreibe diesen Beitrag mit KI-Unterstützung. Aber ich habe die Struktur selbst durchdacht, die Zahlen selbst recherchiert und die MIT-Studie im Original gelesen. Ohne diesen Aufwand wäre das Ergebnis austauschbar geworden. So wie 41 Prozent der langen LinkedIn-Posts, wie Pangram im Juli 2026 gemessen hat.

Die Industrialisierung hat uns die körperliche Anstrengung abgenommen. Wir haben zu spät gemerkt, was uns damit auch abhandengekommen ist. Diesmal, mit den Warnsignalen aus dem MIT und Microsoft, könnten wir es rechtzeitig sehen.

Falls wir wollen.

FAQ

Ist die MIT-Studie wissenschaftlich bewiesen?

Nein. Die Studie ist ein Preprint, noch nicht peer-reviewed, mit 54 Teilnehmenden. Die Autorinnen selbst mahnen zur Vorsicht bei der Interpretation. Es ist ein Fingerzeig, kein Urteil. Aber ein sehr sauber gemessener Fingerzeig.

Macht KI dumm?

Nein, KI macht nicht dumm. Aber wer eine Fähigkeit an ein Werkzeug abgibt, übt sie weniger. Das ist bei Bizeps und Waden nicht anders als bei Sprach- und Argumentationsfähigkeit. Die Frage ist nicht ob KI dumm macht, sondern was wir noch selbst tun.

Sollte man Kindern die Nutzung von KI verbieten?

Verbot funktioniert selten. Sinnvoller ist, die Grundlagen weiterhin ohne KI zu unterrichten und die KI-Nutzung erst nach dem Aufbau der Grundfertigkeiten einzuführen. Das MIT selbst empfiehlt, KI in Lernprozessen zeitlich zu verzögern.

Ist die Parallele zur Industrialisierung wirklich passend?

Nur teilweise. Der körperliche Abbau war messbar in Kilogramm Muskelmasse und Zentimeter Bauchumfang. Der kognitive Abbau wäre schwerer zu messen. Aber die Struktur der Delegation an eine Maschine ist identisch. Und die Bequemlichkeit ist der gleiche Treiber.

Was wäre das schlimmste realistische Szenario?

Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft in dreissig Jahren. Eine kleine Schicht, die Grundfähigkeiten weiterhin beherrscht und deshalb KI wirklich nutzen kann. Eine grosse Schicht, die von KI abhängig ist, ohne die Ausgaben qualifiziert beurteilen zu können. Die erste Schicht steuert, die zweite folgt. Das wäre nicht neu in der Menschheitsgeschichte, aber diesmal in einer neuen Dimension.

 

Quellenverweise

[1]MIT Media Lab, Your Brain on ChatGPT (Kosmyna et al., Juni 2025, Preprint arXiv:2506.08872), https://www.media.mit.edu/projects/your-brain-on-chatgpt/overview/

[2]The Register, Brain activity much lower when using AI chatbots, MIT boffins find, https://www.theregister.com/software/2025/06/18/brain-activity-lower-when-using-ai-chatbots-mit-research/

[3]Microsoft Research / Carnegie Mellon, The Impact of Generative AI on Critical Thinking (Lee et al., CHI 2025), https://www.microsoft.com/en-us/research/wp-content/uploads/2025/01/lee_2025_ai_critical_thinking_survey.pdf

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