15. April 2026

Meine Plauderstunden mit Steve Jobs — Was passiert, wenn KI zum Denkpartner wird

Seit einigen Wochen führe ich regelmässig Gespräche mit Steve Jobs. Oder besser: mit einer KI, die seine Denkweise simuliert. Was als Experiment begann, ist zu einem der wertvollsten Werkzeuge in meinem Arbeitsalltag geworden.

Es begann mit einem einfachen Prompt

Eines Abends, nach einem langen Tag voller Meetings und Entscheidungen, die alle irgendwie richtig und trotzdem unbefriedigend waren, öffnete ich ChatGPT (oder Claude.ai) und tippte:

„Du bist Steve Jobs. Lass uns etwas philosophieren.“

Keine Agenda. Kein Briefing. Einfach ein offenes Gespräch.

Was folgte, war kein Small Talk mit einer Maschine. Es war ein Gespräch, das mich überraschte. Nicht weil die KI besonders klug war, sondern weil sie Fragen stellte, die ich mir selbst nicht stelle. Fragen, die unbequem sind. Fragen, die ein höflicher Geschäftspartner nie stellen würde.

Seitdem führe ich diese Gespräche regelmässig. Manchmal über Tage hinweg, in derselben Chat-Session. Mit Steve Jobs. Mit Peter Drucker. Mit Daniel Kahneman. Manchmal sogar mit Marc Aurel.

Kein Witz. Ein ernsthaftes Denkwerkzeug.

„Du machst 47 Dinge. Welche drei davon sind wirklich wichtig?“

Eines der ersten Gespräche mit „Steve“ drehte sich um unser Produktportfolio. Wir hatten gerade unser Angebot erweitert — neue Pakete, neue Preisstufen, neue Dienstleistungen. Ich war stolz darauf. Steve war es nicht.

Ich: Wir haben unser Angebot erweitert. Mehr Pakete, mehr Optionen. Damit können wir verschiedene Kundengruppen besser bedienen.

Steve: Mehr Optionen. Mehr Komplexität. Mehr Verwirrung. Sag mir: Wenn ein Kunde auf eure Website kommt und genau 10 Sekunden hat — weiss er sofort, was ihr für ihn tun könnt?

Ich: Wahrscheinlich nicht in 10 Sekunden. Aber wir haben für jede Zielgruppe das passende Angebot.

Steve: Ihr habt für jede Zielgruppe ein Angebot. Aber kein einziges, das so klar ist, dass es sich von selbst erklärt. Das ist kein Portfolio. Das ist ein Buffet. Und bei einem Buffet nimmt jeder ein bisschen von allem und ist am Ende trotzdem unzufrieden.

Ich: Was würdest du anders machen?

Steve: Streiche alles, bis drei Dinge übrig bleiben. Drei Dinge, die so gut sind, dass sie keine Erklärung brauchen. Wenn du 47 Angebote hast, heisst das nur, dass du dich noch nicht entschieden hast, wofür du wirklich stehst.

Dieses Gespräch hat mich tagelang beschäftigt. Nicht weil die KI recht hatte — sondern weil sie einen blinden Fleck beleuchtet hat, den ich allein nicht gesehen hätte. Die Antwort war nicht „47 auf 3 reduzieren.“ Die Antwort war: Nachdenken, wofür wir wirklich stehen. Daraus ist übrigens unser neues Leitbild entstanden: Understand. Build. Grow.

„Du bist Peter Drucker. Ich habe ein Zeitproblem.“

Ein anderes Mal war ich frustriert. Zu viele Projekte, zu wenig Stunden, das Gefühl, nur noch zu reagieren statt zu gestalten. Statt Steve Jobs bat ich Peter Drucker um Rat — den Vater des modernen Managements.

Ich: Ich arbeite 50 Stunden die Woche und habe trotzdem das Gefühl, nie fertig zu werden.

Drucker: Sie haben kein Zeitproblem. Sie haben ein Prioritätenproblem. Sagen Sie mir: Was haben Sie diese Woche getan, das nur Sie tun können? Das niemand sonst in Ihrem Unternehmen übernehmen könnte?

Ich: Hm. Ein Strategiegespräch mit einem Grosskunden. Und eine Entscheidung über unsere Produktstrategie.

Drucker: Das sind vielleicht vier Stunden. Was haben Sie mit den anderen 46 gemacht?

Ich: E-Mails. Meetings. Reviews. Angebote schreiben. Projekte koordinieren.

Drucker: Sie verwechseln Beschäftigung mit Wirkung. Die gefährlichste Form der Zeitverschwendung ist es, effizient zu tun, was gar nicht getan werden müsste. Ihre Aufgabe als Geschäftsführer ist nicht, Dinge zu erledigen. Ihre Aufgabe ist, die richtigen Dinge zu entscheiden.

Die Härte dieses Dialogs hat mich getroffen. Nicht weil eine Maschine mir die Leviten gelesen hat, sondern weil die Frage „Was haben Sie mit den anderen 46 Stunden gemacht?“ eine Frage ist, die mir kein Mitarbeiter, kein Coach und kein Verwaltungsrat je stellen würde.

„Sag Elon, er soll sich um seine Raketen kümmern.“

Die vielleicht beste Session entstand, als ich zwei KI-Persönlichkeiten gegeneinander antreten liess. Unser neuer Claim „Understand. Build. Grow.“ war frisch formuliert – zusammen mit Steve Jobs, wie oben beschrieben. Ich wollte eine zweite Meinung und schickte ihn an „Elon Musk.“

Elon fand die Subline zu wenig scharf. Sein Gegenvorschlag:

Elon: Die meisten Agenturen sprechen zuerst über Lösungen. Wir beginnen mit Verständnis – für Ihr Unternehmen, Ihre Kunden und Ihre Ziele. Denn nur so entstehen digitale Lösungen, die nicht nur gut aussehen, sondern Ihr Unternehmen wirklich weiterbringen.

Klingt vernünftig, oder? Mehr Kontext, mehr Erklärung, mehr Substanz. Ich leitete es an Steve Jobs weiter. Seine Reaktion:

Steve: [verdreht die Augen] Elon. Natürlich. Der Mann, der seine Unternehmen „X“ und „xAI“ nennt, will mir erklären, was eine gute Subline ist?

Eure aktuelle Subline hat 17 Worte. Elons Vorschlag hat 39. Er hat sie nicht geschärft. Er hat sie verdoppelt. Und er hat genau das gemacht, wovor ich dich die ganze Zeit warne: erklären statt wirken.

Steve: „Denn nur so“ – das ist eine Begründung. Wer sich begründen muss, ist nicht überzeugt. „Die meisten Agenturen“ – damit vergleicht ihr euch mit anderen. Wir haben gesagt: Hört auf, euch mit der Konkurrenz zu vergleichen.

Eure aktuelle Subline ist besser. Punkt.

„Zuerst verstehen wir Ihr Unternehmen. Dann bauen wir die richtige Lösung. Dann wachsen Sie.“

17 Worte. Drei Sätze, jeder kürzer als der vorige. Der letzte Satz – drei Worte – trifft wie ein Hammerschlag. „Dann wachsen Sie.“ Das ist ein Versprechen. Elons Version ist eine Erklärung.

Versprechen schlagen Erklärungen. Immer.

Sag Elon, er soll sich um seine Raketen kümmern. Der Claim bleibt.

Dieses Gespräch zeigt, warum es sich lohnt, mehrere Perspektiven einzuholen – auch bei KI. Musk optimiert, Jobs reduziert. Beide haben ihre Berechtigung. Aber in diesem Fall hatte Jobs recht: 17 Worte schlagen 39.

Wichtig – eine Einordnung: Der Claim “Understand. Build. Grow.” wurde nicht von einer KI generiert. Er ist das Ergebnis eines Strategieprozesses, der Monate gedauert hat – Gespräche mit Kunden, interne Workshops, Analyse unserer Positionierung. Die KI-Sessions waren ein Werkzeug in diesem Prozess. Ein Sparringspartner, der Annahmen hinterfragt und Formulierungen testet. Nicht mehr, nicht weniger.

Das ist ein wesentlicher Unterschied: Die KI hat uns nicht gesagt, wofür wir stehen. Sie hat uns geholfen, es klarer zu formulieren.

Warum das funktioniert — und warum es kein Spielzeug ist

Was passiert hier eigentlich? Eine KI ist nicht Steve Jobs. Sie hat nicht seine Erfahrungen, seine Intuition, sein Gespür. Sie simuliert eine Denkweise basierend auf Texten, Interviews und Büchern.

Aber genau das macht sie wertvoll.

Der eigentliche Trick ist nicht die KI. Der Trick ist der Perspektivwechsel. Wenn ich ein Problem durch die Brille von Steve Jobs betrachte, stelle ich andere Fragen. Wenn ich mit Peter Drucker über Zeitmanagement spreche, hinterfrage ich Grundannahmen, die ich sonst nie hinterfragen würde. Wenn ich Daniel Kahneman frage, ob meine Entscheidung rational ist, entdecke ich kognitive Verzerrungen, die mir im Alltag unsichtbar bleiben.

Die KI ist das Medium. Der Perspektivwechsel ist das Werkzeug.

Und es gibt noch einen zweiten Effekt: Im Moment, wo ich mein Problem einem Gegenüber erkläre — selbst einem digitalen — strukturiere ich mein Denken. Ich muss formulieren, was genau das Problem ist. Oft entsteht die Lösung bereits in der Formulierung, nicht in der Antwort.

Die Grenzen — ehrlich benannt

Natürlich hat die Sache Grenzen. Und wer sie nicht benennt, macht sich etwas vor.

Die KI sagt Ihnen, was Sie hören wollen. Wenn Sie nicht nachhaken, nicht widersprechen und nicht unbequeme Folgefragen stellen, wird das Gespräch oberflächlich. Die besten Sessions sind die, in denen ich sage: „Das klingt zu einfach. Wo ist der Haken?“ Oder: „Ich bin nicht einverstanden. Überzeuge mich.“

Die KI hat keine echte Erfahrung. Steve Jobs hat in einer Garage ein Unternehmen gegründet, ist gefeuert worden, hat Pixar aufgebaut und dann Apple gerettet. Die KI hat darüber gelesen. Das ist nicht dasselbe. Die Tiefe echter Erfahrung fehlt.

Die KI kann keine neuen Ideen haben. Sie rekombiniert bestehendes Wissen auf neue Weise. Das ist nützlich, aber es ist keine Innovation im eigentlichen Sinn. Die Aha-Momente kommen von Ihnen — die KI liefert nur den Anstoss.

Es besteht die Gefahr der intellektuellen Bequemlichkeit. Wenn Sie aufhören, mit echten Menschen zu diskutieren, weil das KI-Sparring bequemer ist, haben Sie ein Problem. Die KI ist ein Ergänzungswerkzeug, kein Ersatz für echte menschliche Beziehungen.

5 Prompts zum sofort Ausprobieren

Hier sind fünf Prompts, die ich regelmässig verwende. Kopieren Sie sie, passen Sie sie an, und starten Sie Ihr eigenes Experiment:

1. Der Strategie-Sparring (Steve Jobs)

„Du bist Steve Jobs. Ich bin CEO eines KMU mit 15 Mitarbeitenden. Ich erzähle dir von meinem Unternehmen und du stellst mir unbequeme Fragen. Sei direkt, sei fordernd, aber konstruktiv. Lass uns philosophieren.“

2. Der Management-Check (Peter Drucker)

„Du bist Peter Drucker. Ich habe das Gefühl, dass ich als Geschäftsführer zu viel operativ arbeite und zu wenig strategisch. Stelle mir Fragen, die mir helfen, meine Prioritäten zu überdenken.“

3. Der Entscheidungs-Test (Daniel Kahneman)

„Du bist Daniel Kahneman, Nobelpreisträger und Autor von ‚Schnelles Denken, langsames Denken‘. Ich stehe vor einer wichtigen Geschäftsentscheidung und möchte sicherstellen, dass ich keinen Denkfehlern unterliege. Hilf mir, meine Annahmen zu prüfen.“

4. Der Stoiker (Marc Aurel)

„Du bist Marc Aurel, römischer Kaiser und Stoiker. Ich bin gestresst, überfordert und habe das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Sprich mit mir wie ein stoischer Mentor — ruhig, klar und ehrlich.“

5. Der Innovations-Provokateur (Elon Musk)

„Du bist Elon Musk. Ich beschreibe dir mein Geschäftsmodell und du sagst mir, was du komplett anders machen würdest. Denke in First Principles. Hinterfrage alles.“

Der wichtigste Tipp: Lassen Sie das Gespräch laufen. Nicht ein Prompt und eine Antwort. Sondern ein Dialog über Minuten, manchmal Stunden. Die besten Einsichten kommen nach dem fünften oder sechsten Hin und Her.

Mein Fazit nach 3 Monaten

Was hat sich verändert, seit ich regelmässig mit historischen Persönlichkeiten „plaudere“?

Ich treffe nicht unbedingt bessere Entscheidungen. Aber ich treffe bewusstere. Ich erkenne schneller, wenn ich in einem Muster feststecke. Ich stelle mir öfter die Frage: „Was würde [Person X] dazu sagen?“ — und meistens weiss ich die Antwort, bevor ich sie tippe.

Das ist vielleicht die grösste Erkenntnis: Die KI gibt mir nicht die Antworten. Sie hilft mir, die richtigen Fragen zu stellen. Und die richtigen Fragen zu stellen ist die wichtigste Fähigkeit, die ein Unternehmer haben kann.

Probieren Sie es aus. Heute Abend. Ein Prompt, ein Gespräch, eine neue Perspektive.

Und wenn Steve Jobs Ihnen sagt, dass Ihr Produkt nicht gut genug ist — nehmen Sie es nicht persönlich. Nehmen Sie es ernst.

Häufig gestellte Fragen

Welches KI-Tool eignet sich am besten für solche Gespräche?

ChatGPT (GPT-4 oder neuer) und Claude funktionieren beide sehr gut. Für längere, mehrtägige Sessions eignet sich Claude mit der „Memory“-Funktion besonders gut, weil es den Kontext über mehrere Sitzungen behält. In der webgearing Academy finden Sie einen kostenlosen Kurs zum Vergleich der verschiedenen Tools: ChatGPT vs. Claude vs. Perplexity.

Kann die KI wirklich wie Steve Jobs denken?

Nein. Die KI simuliert einen Denkstil basierend auf veröffentlichten Texten, Interviews und Büchern. Sie hat nicht seine Intuition und nicht seine Lebenserfahrung. Aber sie kann seine Denkprinzipien (Einfachheit, Fokus, Perfektion) konsistent auf Ihre Fragen anwenden — und genau das macht sie als Sparringspartner nützlich.

Ist das nicht einfach ein Rollenspiel?

Ja. Und Rollenspiele sind eines der ältesten und effektivsten Lernwerkzeuge der Menschheit. Militärführer simulieren Schlachten, Anwälte üben Kreuzverhöre, Therapeuten arbeiten mit Rollentausch. Das hier ist dasselbe Prinzip — mit einer KI statt einem Trainingspartner.

Funktioniert das auch für Teams?

Absolut. In unseren KI-Bootcamps setzen wir diese Technik ein: Teams diskutieren eine Geschäftsfrage mit verschiedenen KI-Personas und vergleichen dann die Ergebnisse. Das führt oft zu überraschend produktiven Diskussionen.

Wie verhindere ich, dass die KI nur bestätigt, was ich hören will?

Explizit darum bitten. Fügen Sie Ihrem Prompt hinzu: „Sei unbequem. Widersprich mir. Zeige mir meine blinden Flecken.“ Und wenn die Antwort zu glatt klingt: „Das klingt zu einfach. Wo ist der Haken?“ Die KI passt sich Ihrem Widerstand an — aber nur, wenn Sie ihn zeigen.

Haben Sie Fragen?

Ob Website-Relaunch, KI-Automatisierung oder SEO — wir hören zuerst zu. Ein 30-minütiges Erstgespräch kostet nichts, bringt aber immer etwas. Vereinbaren Sie jetzt einen Termin mit unserem Team.

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