20. Oktober 2026

Meine KI hat zwei Stunden gearbeitet. Darf ich die aufschreiben?

Ein persönlicher Blick auf ehrliche Zeiterfassung, faire Abrechnung und belohnte Effizienz.

Stellen wir uns vor, ich starte morgens fünf KI-Agenten. Jeder arbeitet acht Stunden an einer anderen Aufgabe. Am Abend stehen auf meinem Rapport vierzig Stunden.

Eine vollständige Arbeitswoche, erledigt an einem Dienstag. Ich hoffe, die Personalabteilung weiss diesen Einsatz zu schätzen.

Das Beispiel ist natürlich absurd. Aber die Frage dahinter finde ich keineswegs lächerlich: Wenn ich einen KI-Agenten beauftrage und dieser selbstständig arbeitet, wessen Zeit ist das eigentlich?

Meine, weil ich den Auftrag gegeben habe? Die des Unternehmens, weil es das Werkzeug bezahlt? Oder einfach Rechenzeit, die auf einem Arbeitsrapport ungefähr so viel verloren hat wie die Laufzeit der Kaffeemaschine?

Die Antwort ist für mich nicht einfach «Ja» oder «Nein». Denn wir vermischen dabei persönliche Arbeitszeit, Aufwand für ein Projekt und den Wert einer Leistung. Solange wir alles in dieselbe Spalte schreiben, wird es schwierig.

Der Agent arbeitet. Ich möglicherweise auch, nur an etwas anderem.

Die Laufzeit eines Agenten ist nicht automatisch meine persönliche Arbeitsleistung. Diesen Unterschied würde ich als Grundregel festhalten, bevor wir anfangen, über die Verteilung des Produktivitätsgewinns zu diskutieren.

Ein Gedankenbeispiel: Ich brauche zehn Minuten, um eine Aufgabe sauber zu beschreiben. Der Agent arbeitet zwei Stunden selbstständig daran. Anschliessend prüfe ich sein Ergebnis während weiterer zehn Minuten.

Das sind zunächst zwanzig Minuten aktive menschliche Projektarbeit und zwei Stunden KI-Laufzeit. Wenn ich während dieser zwei Stunden an einem anderen Auftrag arbeite, kann ich nicht so tun, als hätte ich gleichzeitig zwei Stunden persönlich für den ersten Auftrag gearbeitet.

Sonst wäre die wichtigste Fähigkeit der Zukunft nicht mehr, gute Ergebnisse zu erzielen. Sondern möglichst viele Fortschrittsbalken parallel laufen zu lassen.

Dabei gibt es durchaus Arbeit, die im fertigen Ergebnis unsichtbar bleibt: Anforderungen verstehen, den Ablauf vorbereiten, Zwischenergebnisse beurteilen, Fehler finden, Korrekturen durchführen. Diese Zeit gehört nicht unter den Tisch, nur weil irgendwo KI beteiligt war.

Aber das Starten eines Werkzeugs verwandelt seine gesamte Laufzeit nicht in meine eigene. Ich habe auch nicht persönlich vier Stunden gerendert, nur weil mein Computer vier Stunden lang ein Video berechnet hat.

Arbeitszeit ist trotzdem mehr als Tippen

Weniger aktive Minuten an einer Aufgabe bedeuten nicht automatisch weniger persönliche Arbeitszeit. Wer diese Unterscheidung übersieht, landet schnell bei einer ebenso fragwürdigen Schlussfolgerung: «Die KI läuft, also können Sie sich jetzt ausstempeln.»

Nach der Schweizer arbeitsgesetzlichen Definition gilt grundsätzlich die Zeit als Arbeitszeit, während der sich Arbeitnehmende dem Arbeitgeber zur Verfügung halten müssen.[1]

Deshalb würde ich genauer hinschauen: Muss jemand den Vorgang überwachen und bei Problemen eingreifen? Steht die Person auf Anweisung bereit? Oder arbeitet sie längst an einer anderen Aufgabe?

Das lässt sich nicht daran erkennen, ob gerade eine Tastatur klappert. Und es lässt sich ebenso wenig aus der Laufzeit eines Agenten ablesen.

Die reguläre Arbeitszeiterfassung dient unter anderem dazu, Beginn, Ende und Dauer der tatsächlich geleisteten Arbeit nachvollziehbar zu machen.[2] Sie ist deshalb für mich das falsche Instrument, um zusätzlich virtuelle Maschinenstunden oder einen geschätzten Produktivitätsbonus einzutragen.

Wie konkrete Überwachungs- oder Wartezeiten einzuordnen sind, muss anhand der tatsächlichen Situation geklärt werden. Meine zwanzig Minuten aus dem Beispiel sind jedenfalls keine Aussage darüber, wie lange jemand insgesamt gearbeitet hat oder für wie viele Minuten Lohn geschuldet wäre.

Drei Uhren, ein Rapport und das unvermeidliche Missverständnis

Für mich braucht es drei getrennte Betrachtungen: persönliche Arbeitszeit, technischen Ressourcenverbrauch und Kundenleistung. Diese können zusammenhängen, sind aber nicht austauschbar.

  • Die persönliche Zeit beschreibt, wann ich arbeite und womit ich mich befasse.
  • Zum technischen Aufwand gehören beispielsweise die Nutzung eines Agenten oder die Kosten eines Werkzeugs.
  • Die Kundenleistung beschreibt, welches Ergebnis ich vereinbart habe und wie es abgerechnet wird.

Ein Agent kann nachts laufen, während ich schlafe. Das Ergebnis kann trotzdem wertvoll sein. Ich muss dafür nicht nachträglich behaupten, ich hätte eine Nachtschicht geleistet.

Umgekehrt kann ich viel Zeit in die Prüfung eines schlechten KI-Ergebnisses stecken. Dann ist der menschliche Aufwand real, auch wenn der Fortschrittsbalken schon lange auf hundert Prozent steht.

Ein brauchbarer Projektrapport könnte deshalb getrennt zeigen: Briefing, Betreuung, Kontrolle und Korrekturen auf der menschlichen Seite; KI-Nutzung oder technische Kosten auf der anderen. Das wäre zunächst eine saubere Beschreibung, noch keine automatische Rechnung an den Kunden.

Und es würde eine herrlich einfache Erkenntnis erlauben: Parallelität kann die Kapazität eines Unternehmens vervielfachen. Die Uhr eines einzelnen Menschen hat trotzdem nur sechzig Minuten pro Stunde.

Wer schnell arbeitet, darf nicht plötzlich schlecht aussehen

Ehrliche Zeiterfassung funktioniert für mich nur, wenn das Unternehmen Effizienz nicht gleichzeitig bestraft. Genau hier wird die Diskussion interessanter als die ursprüngliche Frage nach den zwei KI-Stunden.

Stellen wir uns zwei Mitarbeitende vor, die dieselbe Aufgabe in vergleichbarer Qualität erledigen. Die erste Person braucht auf dem bisherigen Weg drei Stunden. Die zweite hat einen guten KI-Ablauf entwickelt und ist nach vierzig Minuten fertig.

Die erste Person hat drei Stunden rapportiert. Die zweite vierzig Minuten. Wenn das Bewertungssystem nun nur auf die Menge der gebuchten Projektstunden schaut, könnte die effizientere Person auf dem Papier schlechter aussehen.

Dann hätten wir einen bemerkenswerten Managementerfolg erzielt: Wir fordern Innovation und messen anschliessend, wie erfolgreich sie vermieden wurde.

Ich würde in diesem Fall nicht zuerst fragen, weshalb jemand über eine grosszügige Zeiterfassung nachdenkt. Ich würde fragen, welches Verhalten unser System eigentlich belohnt.

Wer Mitarbeitende dafür lobt, neue Wege zu finden, sollte nicht beim nächsten Gespräch feststellen: «Schön, dass Sie schneller geworden sind. Leider fehlen Ihnen jetzt zwei verrechenbare Stunden.»

Die Lösung sind keine erfundenen Stunden

Ein falscher Anreiz rechtfertigt für mich keine falsche Buchung. Die Antwort sollte nicht sein, dass Mitarbeitende weiterhin die Zeit aufschreiben, die eine Aufgabe früher gebraucht hätte.

Sonst verliert das Unternehmen genau jene Information, die es jetzt bräuchte: Wie verändert sich die Arbeit tatsächlich? Welche Abläufe funktionieren besser? Wo entstehen neue Aufwände für Kontrolle und Nachbearbeitung?

Wenn auf jedem Rapport weiterhin drei Stunden stehen, obwohl die Aufgabe inzwischen in vierzig Minuten erledigt wird, sieht die Organisation ihren eigenen Fortschritt nicht. Sie kalkuliert mit einer Vergangenheit, die längst nicht mehr stimmt.

Ich würde deshalb beides ändern: die Zeit ehrlich erfassen und die Leistung breiter beurteilen. Ergebnisqualität, Verantwortung, Zuverlässigkeit und die Verbesserung eines wiederverwendbaren Ablaufs gehören für mich in die Bewertung.

Auch die Entwicklung dieses Ablaufs ist Arbeit. Wer mehrere Versuche braucht, bis eine Automatisierung zuverlässig funktioniert, hat nicht bloss «ein bisschen gepromptet». Diese Investition sollte sichtbar sein, statt später heimlich auf andere Aufgaben verteilt zu werden.

Und was schreiben wir dem Kunden auf die Rechnung?

Eine transparente Kundenrechnung muss nicht bedeuten, dass jede durch KI verkürzte Aufgabe automatisch beinahe gratis wird. Aber sie sollte klar erkennen lassen, was verkauft wird: persönlicher Aufwand, eine technische Leistung oder ein vereinbartes Ergebnis.

Bei einer Abrechnung nach tatsächlich geleistetem Personalaufwand würde ich keine selbstständige Agentenlaufzeit als menschliche Projektstunden ausweisen. Sollen technische Kosten oder andere Leistungen zusätzlich verrechnet werden, gehört das für mich verständlich vereinbart.

Ein Festpreis funktioniert anders. Wenn ein definiertes Ergebnis zu einem vereinbarten Preis geliefert wird, ist die schnellere Umsetzung zunächst eine Frage der eigenen Kalkulation. Der Preis muss nicht auf die Anzahl der Tastatureingaben zusammenschrumpfen.

Für mich ist daran nichts Anrüchiges. Erfahrung, ein guter Prozess, Qualitätskontrolle und die Verantwortung für das Ergebnis verschwinden nicht, nur weil die Herstellung schneller gelingt.

Anrüchig würde es für mich dort, wo ich Effizienz nutze, aber dem Kunden bewusst eine andere Leistung vorspiegle. «Drei Stunden persönliche Bearbeitung» sollte nicht die kreative Umschreibung für «zwanzig Minuten Arbeit und ein lang laufendes Werkzeug» sein.

Das ist mein Grundsatz für eine faire Abrechnung, keine pauschale rechtliche Beurteilung jedes Vertrags. Entscheidend ist, was konkret vereinbart wurde und was die Darstellung beim Kunden erwarten lässt.

Wem gehört die gewonnene Zeit?

Der Produktivitätsgewinn sollte besprochen werden, statt unsichtbar in einem alten Stundenmodell zu verschwinden. Das ist für mich die eigentliche Führungsfrage hinter dem KI-Rapport.

Vielleicht entsteht Raum für bessere Qualität. Vielleicht für Weiterbildung, ein bisher liegen gebliebenes Projekt oder zusätzliche Kunden. Vielleicht lässt sich Überlastung reduzieren.

Aber ich finde auch die Perspektive des Mitarbeitenden berechtigt: Wenn ich einen besseren Arbeitsweg entwickle, besteht mein einziger persönlicher Gewinn dann darin, künftig noch mehr Aufgaben zu bekommen?

Ein Betrieb kann nicht jede eingesparte Minute als Freizeit verschenken. Umgekehrt wäre es kurzsichtig, jede Verbesserung so zu behandeln, als hätte sie die Maschine ganz allein erfunden.

Wer neue Abläufe entwickelt, Wissen teilt und Verantwortung für die Ergebnisse übernimmt, schafft einen Beitrag, der über die einzelne Aufgabe hinausgeht. Wie dieser Beitrag anerkannt wird, sollte eine bewusste Entscheidung sein: etwa durch Entwicklungsmöglichkeiten, Beteiligung am Erfolg oder eine andere Leistungsbewertung.

Für mich gehört deshalb auf den Tisch, was wir mit der gewonnenen Kapazität vorhaben. Nicht erst dann, wenn sich jemand fragt, welche Zahl im Rapport wohl am wenigsten Ärger verursacht.

Vielleicht ist die ehrliche Zahl die unbequemste

Meine Antwort auf die Ausgangsfrage lautet deshalb: Die KI-Zeit nicht einfach als eigene Zeit aufschreiben. Aber auch nicht so tun, als liesse sich menschliche Leistung vollständig an persönlich verbrauchten Minuten ablesen.

Ich möchte wissen, wie viel Arbeit tatsächlich nötig war. Ich möchte ebenso wissen, ob das Ergebnis stimmt und ob jemand einen Weg entwickelt hat, der uns künftig weiterbringt.

Wenn wir beides ernst nehmen, brauchen wir weder erfundene Vierzigstundentage noch die Vorstellung, dass eine Person weniger wert sei, weil sie schneller geworden ist. Wir brauchen Regeln, die zur tatsächlichen Arbeit passen.

Am Ende ist vielleicht nicht die Frage schwierig, ob zwei Stunden Agentenlaufzeit zwei Stunden persönliche Arbeit sind. Schwieriger ist, ob wir bereit sind, die ehrliche Antwort auszuhalten und danach unsere Kalkulation, unsere Erwartungen und unsere Anerkennung zu verändern.

Was passiert in Ihrem Betrieb, wenn jemand eine dreistündige Aufgabe plötzlich in vierzig Minuten gut erledigt? Wird dieser Fortschritt anerkannt, oder muss die Person zuerst erklären, weshalb auf ihrem Rapport so wenig steht?

Quellen

[1] SECO: Begriff der Arbeitszeit

https://www.seco.admin.ch/dam/de/sd-web/XrmawbkqAmjb/Hinweis-Arbeits-Ruhezeiten-45h-SECO-AB-2016-DE.pdf

[2] SECO: Arbeitszeiterfassung

https://www.seco.admin.ch/de/arbeitszeiterfassung

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