06 Uhr Die Welt zum Frühstück
Am Frühstückstisch lasse ich mir von der KI zusammenfassen, was in den letzten 24 Stunden auf der Welt passiert ist. Politik, Wirtschaft, Technologie. Die wichtigsten Entwicklungen, möglichst verständlich eingeordnet. Eine ganze Weltlage zwischen zwei Schlucken Kaffee.
Danach meldet sich mein Finance-KI-Agent mit dem Überblick über mein Portfolio. Welche Investments verdienen Aufmerksamkeit? Welche Entwicklungen sollte ich beobachten? Was könnte in den kommenden Tagen oder Wochen interessant werden? Ich bekomme Stoff zum Nachdenken, bevor der eigentliche Arbeitstag überhaupt begonnen hat.
Das ist praktisch. Es ist auch erstaunlich leicht, sich daran zu gewöhnen, dass die Informationen bereits sortiert eintreffen. Irgendwann wirkt das, was im Briefing steht, wie das, was wichtig ist. Was fehlt, fällt mir womöglich gar nicht auf. Deshalb will ich bei Themen, auf die ich Entscheidungen stütze, auch die Quellen und die Gegenargumente sehen. Ein souveräner Tonfall ist noch keine belastbare Einschätzung.
Mein Frühstück hat inzwischen jedenfalls eine recht ambitionierte Informationsdichte. Das Müesli hält sich erfreulicherweise aus der Diskussion heraus.
09 Uhr Im Meeting sind wir einer mehr
Beim ersten Kundenmeeting unterstützt ein KI-Agent die Dokumentation. Ich kann mich auf das Gespräch konzentrieren. Wenn wir fertig sind, liegen das Protokoll und die nächsten Schritte bereits formatiert bereit.
Dieser Teil meiner KI-Begeisterung ist ziemlich unspektakulär und gerade deshalb wertvoll. Nach einem guten Gespräch wartet nicht mehr zwangsläufig noch eine zweite Runde Arbeit, in der ich meine Notizen entziffere und versuche, die offenen Punkte wieder zusammenzubringen.
Ganz abgeben lässt sich die Sache trotzdem nicht. Im Protokoll prüfe ich, ob aus einem vorsichtigen Vorschlag plötzlich ein Beschluss geworden ist. War das wirklich vereinbart oder nur eine Idee? Wer übernimmt die Aufgabe? Bis wann? Die Formatierung kann fertig sein, während der Inhalt noch eine Rückfrage braucht.
Der KI-Agent hilft mir, das Gespräch festzuhalten. Verstanden haben sollte ich es selbst.
11 Uhr Vier Angebote gleichzeitig
Bei webgearing entstehen parallel drei oder vier Angebote. Verschiedene KI-Agenten helfen beim Ausarbeiten und prüfen die Entwürfe auf Lücken, Widersprüche oder unklare Leistungen. Während ein Entwurf überarbeitet wird, kann ich mich bereits mit dem nächsten beschäftigen.
Das kommt meiner Neigung entgegen, mehrere Ideen gleichzeitig verfolgen zu wollen. Was früher daran scheiterte, dass ich gerade nur zwei Hände und einen Kopf zur Verfügung hatte, passt heute zumindest in mehrere offene Fenster. Der Kopf ist allerdings immer noch derselbe.
Der nächste logische Schritt wäre wohl ein fünfter Agent, der die Einwände der ersten vier in einem PDF zusammenfasst. Dieses PDF müsste ich selbstverständlich noch einmal prüfen lassen. Man möchte ja keine unnötige Komplexität erzeugen.
Entscheidend bleibt, dass wir die angebotenen Leistungen auch liefern können. Aufwand, Umfang und Zusagen muss ich beurteilen können. Dass mehrere Agenten dieselbe Formulierung gut finden, reicht mir dafür nicht. Ich will nachvollziehen, worauf die Einschätzung beruht.
Die gewonnene Zeit ist für mich dann gut eingesetzt, wenn ich mich genauer mit dem Anliegen des Kunden beschäftigen kann. Vier schnell erzeugte Dokumente sind für sich allein noch kein überzeugendes Ergebnis.
12 Uhr Was gibt es zu essen
Auch die Frage nach dem Essen landet inzwischen bei einer KI. Mein KI-Food-Advisor erstellt den Menüplan. Damit ist zumindest die Planung schon einmal erledigt. Gekocht ist deshalb natürlich noch nichts. Diese kleine Lücke in der Automatisierung fällt spätestens dann auf, wenn ich Hunger bekomme.
Ich finde es angenehm, mir nicht jedes Menü neu überlegen zu müssen. Gleichzeitig ist es bemerkenswert, wie selbstverständlich ich inzwischen sogar die Frage «Worauf habe ich Lust?» an Software weiterreiche. Der Menüplan kann passen. Ob ich heute wirklich darauf Appetit habe, muss ich immer noch selbst herausfinden.
14 Uhr Die Tastatur hat frei
Meine Tastatur habe ich inzwischen weitgehend verbannt. Ich diktiere Texte, formuliere Aufträge und steuere den Computer mit der Stimme. Aus einem Gedanken wird eine gesprochene Anweisung, daraus ein Entwurf, den ich direkt weiterbearbeiten lasse.
Die Tastatur bleibt als stille Zeugin einer früheren Epoche in der Nähe. Vermutlich hält sie das Ganze für eine vorübergehende Mode.
Ich mag diesen Arbeitsfluss. Gleichzeitig muss ich aufpassen, dass ich Gedanken nicht schon deshalb weiterreiche, weil sie sich gerade flüssig aussprechen lassen. Auch ein ausführlich diktiertes Briefing kann unklar sein. Ich kann mich jetzt einfach schneller unpräzise ausdrücken.
Die Frage, was ich eigentlich will, nimmt mir das Mikrofon nicht ab.
15 Uhr Eine Pause nach Mass
In den Pausen höre ich KI-generierte Musik, die spontan entsteht und zu meiner aktuellen Stimmung passt. Sogar der Soundtrack zur Erholung lässt sich inzwischen passend herstellen.
Ich finde das faszinierend. Gleichzeitig ist eine Pause mit individuell erzeugter Hintergrundmusik schon ziemlich nah an einer Dienstleistung, die ich bei mir selbst bestellt habe.
Ich könnte das natürlich noch weitertreiben und auch gleich meine Erholung briefen: «Erstelle zwölf Minuten Entspannung. Bitte so, dass ich danach wieder effizient arbeiten kann. Falls die Erholung hinter den Erwartungen bleibt, liefere eine optimierte zweite Version.»
Noch ist das eine absurde Vorstellung. Aber wenn ich selbst meine freie Viertelstunde als etwas betrachte, das noch verbessert werden könnte, sollte ich vielleicht kurz aufhören, Dinge verbessern zu wollen. Eine Pause darf auch einfach vorbeigehen.
18 Uhr Mein digitales Ich hat Freizeit
Mein KI-Social-Agent generiert sogar Bilder von mir in der Freizeit und veröffentlicht sie auf meinen Kanälen. Künstlich erzeugte Freizeitbilder, während ich mich mit anderen Dingen beschäftige. Auch meine Selbstdarstellung hat damit Unterstützung bekommen.
Auf die Spitze getrieben könnte mein digitales Ich ein ausgesprochen abwechslungsreiches Leben führen, während ich am Rechner sitze und die passenden Bilder dazu freigebe. In meinem Feed wäre ich dann deutlich besser erholt als vor meinem Bildschirm.
Als kreative Spielerei finde ich das spannend. Die Bilder sollten allerdings als KI-generiert erkennbar bleiben. Und eine Frage lässt sich damit nicht wegautomatisieren: Will ich gerade Freizeit erleben oder vor allem zeigen, wie sie aussehen könnte?
20 Uhr Die Serie steht schon fest
Für den Abend hat mein KI-Entertainment-Agent bereits eine neue Netflix-Serie gefunden, die zu meinem Geschmack passen soll. Auch die Auswahl auf dem Sofa ist damit vorbereitet. Ich könnte also tatsächlich einfach etwas anschauen.
Das klingt nach einem gelungenen Feierabend. Der Menüplan steht, die Unterhaltung ist ausgewählt, und mein digitales Ich hat sich ebenfalls schon um seine Freizeit gekümmert. Jetzt müsste ich nur noch selbst mitmachen.
Nur kommen über den Tag verteilt immer weitere Ideen dazu. Ein Text, eine Recherche, eine zweite Einschätzung. Der nächste Auftrag lässt sich schnell formulieren. Und wenn schon so viel möglich ist, könnte ich vor der ersten Folge doch eigentlich auch noch diese eine Idee ausprobieren.
Ich bin Unternehmer. Aus Möglichkeiten entstehen in meinem Kopf ziemlich zuverlässig neue Projekte. KI liefert mir davon reichlich. Das ist ein grosser Teil ihrer Anziehungskraft und vermutlich auch der Grund, warum ich mit der Bezeichnung KI-Junkie ganz gut leben kann.
Trotzdem beschäftigt mich die Frage, was aus all der eingesparten Zeit wird. Ein Teil fliesst in bessere Arbeit. Ein anderer lässt sich erstaunlich leicht mit zusätzlichen Aufgaben füllen. Eine schnell erledigte Recherche kann den Feierabend näherbringen. Sie kann aber auch Platz für drei weitere Recherchen schaffen.
Ich möchte diese Werkzeuge nicht mehr missen. Dafür helfen sie mir zu oft, aus einer vagen Idee etwas Greifbares zu machen. Aber ich will auch merken, wann ich selbst einer Frage ausweiche, indem ich sofort die nächste Antwort bestelle. Oder wann ich einen weiteren Entwurf anfordere, obwohl längst eine Entscheidung fällig wäre.
Mein nächster Optimierungsversuch ist deshalb, die gewonnene Zeit tatsächlich als freie Zeit zu behandeln. Das Essen selbst geniessen, die Serie anschauen und gelegentlich etwas erleben, für das ich kein Bild generieren muss. Dafür sollte ausnahmsweise kein weiterer Agent nötig sein.