9. September 2026

Das Zeitalter der Wegwerf-Software: Wenn ein Prompt reicht, um ein Werkzeug zu bauen

Mit ChatGPT Sites und GPT-6 Astra lassen sich funktionierende Mini-Apps aus einem einzigen Prompt materialisieren. Was das für klassische Software-Entwicklung heisst.

Ich habe am Wochenende ein Experiment gemacht. Ich habe neun Ideen, vom Murmelspiel bis zur Kalorimetrie-Erklärung, mit jeweils einem einzigen Prompt an ChatGPT gegeben. Kein Nachfassen, kein Verfeinern, kein Debugging. Neun Prompts, neun funktionierende Web-Apps. Alle laufen live unter chatgpt.site-Subdomains, alle in wenigen Minuten entstanden.

Willkommen im Zeitalter der Wegwerf-Software.

Was da genau passiert

Zwei Dinge sind zusammengekommen. OpenAI hat am 5. September 2026 GPT-6 Astra ausgerollt, das aktuellste und deutlich stärkere Sprach- und Reasoning-Modell. Und parallel läuft ChatGPT Sites in Public Beta, das Feature, mit dem man aus einer Beschreibung direkt eine interaktive Website oder Mini-App bauen kann. Das offizielle Release-Note von OpenAI[1] beschreibt es nüchtern: «ChatGPT Sites lets you turn your work or ideas into an interactive website or lightweight app without leaving ChatGPT.» Anders als in den ersten Rollout-Wochen ist das Feature inzwischen auch in der Schweiz verfügbar, für Plus-, Pro-, Business- und Enterprise-Nutzer.

Die technische Mechanik ist einfach. Man beschreibt in einem Prompt, was man will. ChatGPT baut den Code, zeigt eine Vorschau, publiziert unter einer chatgpt.site-Subdomain. Fertig. Kein Editor, kein Build-Prozess, kein Hosting-Aufwand.

Neun Beispiele aus meiner Experimentier-Reihe

Alle Ergebnisse mit einem einzigen Prompt, ohne Nachbessern. Die Adresse sagt jeweils, was rauskommt:

Neun Prompts. Neun funktionierende Anwendungen. Keine Codezeile geschrieben.

Der Punkt ist nicht die Qualität. Der Punkt ist die Geschwindigkeit.

Klar, keines dieser Beispiele ersetzt SimCity, keines ersetzt ein professionelles Physik-Lehrmittel, keines ist ein produktionsreifes Spiel. Der Marble-Odyssey-Prototyp ruckelt gelegentlich, der Solothurn-Atlas ist ein visuelles Portrait mehr als eine navigierbare Karte, der Dungeon-Crawler ist ein Konzept, kein fertiges Spiel.

Genau das ist der Witz. Es ging nie darum, ein fertiges Produkt zu bekommen. Es ging darum, in Minuten zu prüfen, ob eine Idee überhaupt funktionieren kann. Ob das Konzept trägt. Ob die Zielgruppe interessiert wäre.

Vor zwei Jahren hätte jedes dieser Beispiele ein Wochenende gekostet — bei einem Entwickler, der sich damit auskennt. Ein «schnelles Prototyping-Projekt» mit Freelancer wäre bei CHF 500 bis CHF 2’000 pro Idee gelandet. Heute: 30 Sekunden, kostenlos für Plus-Abonnenten.

Was das für die klassische Software-Entwicklung heisst

Die Zahlen aus der Entwickler-Community sind eindeutig. Laut Hashnode-Auswertung 2026 nutzen 92 Prozent der US-Entwickler täglich KI-Coding-Tools[2], weltweit 82 Prozent wöchentlich. GitHub selbst meldet, dass 46 Prozent des neuen Codes inzwischen KI-generiert sind. Bei den Y-Combinator-Winter-2025-Startups sind laut derselben Quelle 21 Prozent der Codebasen zu 91 Prozent oder mehr KI-generiert.

Die Frage ist längst nicht mehr, ob KI Code schreibt. Sondern wo die menschlichen Entwickler noch gebraucht werden.

Meine Einschätzung nach 25 Jahren Digitalagentur:

Für komplexe, geschäftskritische Anwendungen braucht es weiter Profis. Ein CRM, eine Lohnbuchhaltung, ein Warenwirtschaftssystem, eine Kunden-Portal-Integration — das sind Systeme, bei denen es auf Fehlertoleranz, Datenschutz, Wartbarkeit, Skalierbarkeit ankommt. Da hilft die KI dem Entwickler, aber sie ersetzt ihn nicht.

Für den grossen Zwischenbereich der Alltagswerkzeuge ändert sich alles. Ein internes Reporting-Dashboard, das man nur ein paar Wochen braucht. Ein Kundenformular für eine Aktion, die zwei Monate läuft. Ein interaktives Erklärungs-Modul für ein Schulungs-Meeting. Ein Konfigurator für einen Messeauftritt. Eine Umfrage mit Live-Auswertung. Ein temporäres Bewerbungsformular für die neue Stelle. Das alles hat man früher entweder gar nicht gebaut oder für vier- bis fünfstellige Beträge in Auftrag gegeben. Heute materialisiert es sich in Minuten aus einem Prompt.

Und für den Idee-Prüfungs-Bereich ändert sich das Denken. Bevor man ein grosses Projekt startet, kann man in einer Stunde vier bis fünf Prototypen bauen und testen, welche Richtung überhaupt funktioniert. Die Kostenstruktur für Innovation kippt.

Was das für Schweizer KMU heisst

Der entscheidende Punkt für uns hier: ChatGPT Sites ist in der Schweiz verfügbar, und mit GPT-6 Astra seit Anfang September auch qualitativ auf einem Niveau, das die Beispiele oben erst möglich macht. Alles was Sie brauchen, ist ein Plus-, Pro-, Business- oder Enterprise-Abo.

Der Effekt in der Praxis: Ein KMU-Chef kann heute an einem Sonntagabend ein internes Werkzeug für den Betrieb zusammenbauen, das früher eine Projektanfrage gewesen wäre. Ein paar konkrete Szenarien:

  • Der Elektromeister braucht für die Berufsbildung ein Quiz zu den Sicherheitsvorschriften. Früher: Vier Stunden PowerPoint. Heute: Ein Prompt, ein interaktives Modul, das die Lernenden auf dem Handy durchklicken.
  • Der Treuhänder will Kunden eine schnelle Steuer-Grobkalkulation als Web-Formular anbieten. Früher: Excel und E-Mail-Attachment. Heute: Ein Prompt, ein Formular mit Live-Rechner.
  • Die Bäckerei möchte eine kleine Karten-App für ihre Filialen und Öffnungszeiten. Früher: WordPress-Plugin oder Google-Maps-Basteln. Heute: Ein Prompt, ein interaktiver Stadtplan.
  • Die HR-Verantwortliche braucht ein temporäres Bewerbungsportal für die eine offene Stelle. Früher: Formulartool abonnieren. Heute: Ein Prompt, ein Formular mit Empfänger-E-Mail.

Nicht jedes Werkzeug wird so gebaut. Für alles, was Kundendaten sammelt, Zahlungen abwickelt, in ERP-Systeme integriert werden muss, gelten weiter die alten Regeln (Datenschutz, Hosting-Standort, Wartbarkeit). Aber für die vielen kleinen Werkzeuge, die man einmal braucht und danach nie wieder, ist das Zeitalter der Wegwerf-Software da.

Was das für uns als Digitalagentur heisst

Ich sage das offen, weil es niemand sonst tut: Ein Teil der Aufträge, die vor zwei Jahren zu uns kamen, wird in zwei Jahren nicht mehr zu uns kommen. Und das ist gut so.

Der Kunde, der von uns ein Prototype-Werkzeug für eine Messe wollte, wird das selbst bauen. Der Kunde, der ein internes Reporting-Dashboard wollte, wird das selbst bauen. Der Kunde, der «nur schnell ein Konfigurator» wollte, wird das selbst bauen. Für all das sind wir zu langsam, zu teuer und zu schwer.

Was bleibt und wichtiger wird: Die Aufträge, bei denen Datenschutz, Integration, Wartbarkeit, Skalierbarkeit, Verantwortung und langfristiger Betrieb im Zentrum stehen. Die Website, die zehn Jahre laufen muss. Der Onlineshop, der Zahlungen abwickelt und mit dem Buchhaltungssystem verbunden ist. Das CRM, das die Kundendaten strukturiert hält. Die WordPress-Infrastruktur mit Security-Updates und Backup-Strategie. Da werden wir gebraucht — und wir werden mehr gebraucht, nicht weniger, weil sich die Erwartungen an solche Systeme mit jedem Wegwerf-Prototyp erhöhen.

Die Zwischenzone zwischen «Ich baue es selbst in 30 Sekunden» und «Ich beauftrage eine Agentur für ein sechsstelliges Projekt» wird kleiner. Die Enden wachsen. Das ist die eigentliche Verschiebung.

Ein persönliches Fazit

Wenn ich in zehn Jahren zurückblicke, wird 2026 vermutlich das Jahr sein, in dem sich das Verhältnis zu Software grundlegend verändert hat. Nicht durch KI-Agenten, die den Menschen ersetzen. Sondern durch KI, die die Kosten von Software-Ideen auf praktisch null senkt.

Wegwerf-Software klingt abwertend, ist aber ein positiver Begriff. So wie wir Wegwerf-Kameras nicht deshalb schlecht fanden, weil sie schlechter waren als eine Leica, sondern weil sie Zugang zu einem Moment gaben, den man sonst nie fotografiert hätte. So gibt uns Wegwerf-Software Zugang zu Werkzeugen, die man sonst nie gebaut hätte.

Der Handwerksbetrieb, der sein Berufsschul-Quiz an einem Abend baut, hat es vorher nie gebaut. Der Treuhänder, der sein Kunden-Steuer-Formular in einer Stunde macht, hatte es vorher gar nicht. Die Ideen waren da. Nur der Aufwand war zu gross. Der Aufwand ist gerade weggefallen.

Was Sie jetzt ausprobieren können

Wenn Sie ein ChatGPT-Abo haben (Plus, Pro, Business, Enterprise), suchen Sie in der Web-Version im Menü nach «Sites». Nehmen Sie sich ein konkretes, kleines Projekt aus dem Alltag Ihrer Firma vor. Ein Prompt. Kein Nachfassen. Danach reden wir weiter.

Und wenn Sie nach dem Experiment merken, dass Sie eine Sache brauchen, die stabiler, sicherer, integrierter, mehrsprachig oder für zehn Jahre gebaut sein muss — dann sind wir wieder dran. In der neuen Rolle, aber dringender als je zuvor.

Quellen

[1] OpenAI Help Center, ChatGPT Release Notes: Introducing ChatGPT Sites in Public Beta (Verfügbarkeit für Business, Enterprise, Pro, Pro Lite, Edu und Plus; interaktive Website- und App-Erstellung ohne Code). https://help.openai.com/en/articles/6825453-chatgpt-release-notes

[2] OpenAI, Release GPT-6 Astra, 5. September 2026 (aktuelles Sprach- und Reasoning-Modell mit deutlich stärkerer Code- und App-Generierung).

[3] Hashnode, The State of Vibe Coding in 2026 (92 Prozent US-Entwickler nutzen KI-Coding-Tools täglich, 82 Prozent weltweit wöchentlich, 46 Prozent des neuen Codes KI-generiert laut GitHub, 21 Prozent der Y-Combinator-Winter-2025-Startups mit 91 Prozent oder mehr KI-generiertem Code). https://hashnode.com/blog/state-of-vibe-coding-2026

[4] Second Talent, Top Vibe Coding Statistics and Trends 2026 (84 Prozent nutzen oder planen KI-Coding-Tools, 51 Prozent täglich, Vertrauen und Nutzung im Detail). https://www.secondtalent.com/resources/vibe-coding-statistics/

[5] Live-Demo: Marble Odyssey, isometrisches Kugel-Arcade-Spiel, aus einem Prompt entstanden. https://marble-odyssey.slamstar.chatgpt.site/

[6] Live-Demo: Solothurn Stadtatlas, interaktives 3D-Stadtporträt, aus einem Prompt entstanden. https://solothurn-stadtatlas.slamstar.chatgpt.site/

[7] Live-Demo: Relativitäts-Einstein-Labor, aus einem Prompt entstanden. https://relativ-einstein-labor.slamstar.chatgpt.site/

[8] Live-Demo: Fertigungs-Labor (Kunststoffspritzguss und CNC), aus einem Prompt entstanden. https://fertigungs-labor.slamstar.chatgpt.site/

[9] Live-Demo: Meridian City (SimCity-artiger Städtebau-Simulator), aus einem Prompt entstanden. https://meridian-city.slamstar.chatgpt.site/

[10] Live-Demo: Orbita Explorer (Sonnensystem), aus einem Prompt entstanden. https://orbita-explorer.slamstar.chatgpt.site/

[11] Live-Demo: Oddworks Lab (Logik-Spiel für Kinder), aus einem Prompt entstanden. https://oddworks-lab.slamstar.chatgpt.site/

[12] Live-Demo: Wärme und Teilchen (Kalorimetrie und Gasgesetze), aus einem Prompt entstanden. https://waerme-und-teilchen.slamstar.chatgpt.site/

[13] Live-Demo: Hollowkeep (Dungeon-Crawler), aus einem Prompt entstanden. https://hollowkeep.slamstar.chatgpt.site/

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