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title: "Vielen Dank für Ihre KI. Meine KI meldet sich."
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description: "Meine KI schreibt, Ihre KI antwortet. Eine satirische Reise in die Arbeitswelt, in der alle kommunizieren, aber niemand mehr miteinander spricht."
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date: 2026-10-09
author: "Thomas Probst"
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# Vielen Dank für Ihre KI. Meine KI meldet sich.

Ich verwende immer häufiger Microsoft Copilot, um E-Mails zu schreiben und zu beantworten. Das ist praktisch. Manchmal denke ich allerdings darüber nach, was eigentlich passiert, wenn mein Gegenüber genau dasselbe tut.

**Ich lasse meine KI formulieren. Er lässt seine KI antworten.** Und irgendwo zwischen zwei Menschen, die beide gerade etwas anderes machen, entsteht ein ausgesprochen wertschätzender Dialog.

Vielleicht lesen wir ihn noch. Vielleicht nur die Zusammenfassung. Vielleicht reicht irgendwann ein grünes Häkchen: «Beziehung erfolgreich gepflegt.»

Spinnen wir das einmal weiter. Nicht als Prognose und nicht als Beschreibung dessen, was Copilot heute alles kann, sondern als kleine, zunehmend absurde Reise in eine mögliche Zukunft.

## Am Anfang steht ein einziger ehrlicher Satz

Stellen wir uns vor, ich möchte einem Geschäftspartner eigentlich nur schreiben: *«Zu teuer.»* Zwei Wörter, ein wirtschaftlicher Sachverhalt, überschaubare Lesezeit.

Mein Assistent macht daraus:

> *Vielen Dank für Ihre sorgfältig ausgearbeitete Offerte. Wir schätzen Ihren ganzheitlichen Ansatz sehr. Vor dem Hintergrund unserer aktuellen Budgetprioritäten würden wir gerne gemeinsam prüfen, inwiefern sich beim vorgeschlagenen Investitionsrahmen noch Gestaltungsspielräume ergeben.*

Das ist deutlich länger. Aber immerhin muss ich es nicht selbst schreiben.

Beim Empfänger liest ebenfalls eine KI mit. Sie fasst meine Nachricht für ihren Besitzer zusammen: *«Findet es zu teuer.»*

Wir haben also **zwei Wörter aufwendig in einen Absatz verwandelt**, damit ein anderes System daraus wieder zwei Wörter machen kann. Früher hätte man dazu vielleicht Bürokratie gesagt. Jetzt ist es ein Produktivitätsgewinn.

Der Geschäftspartner tippt: *«Nein.»* Sein Assistent antwortet mit drei Absätzen über Qualität, partnerschaftliche Zusammenarbeit und die bereits sehr faire Kalkulation.

Meine KI meldet: *«Kein Rabatt.»* Alles verstanden, niemand persönlich gesprochen, beide Seiten professionell aufgestellt.

## 2031: Ihr Posteingang hat ein erfüllteres Sozialleben als Sie

Machen wir einen kleinen Zeitsprung. Es ist 2031, und selbstverständlich ist auch dieses Datum frei erfunden.

Mein Assistent beantwortet inzwischen nicht mehr nur Nachrichten. Er erkennt, wann eine Antwort sinnvoll wäre, formuliert sie, stimmt sich mit dem Assistenten der anderen Seite ab und legt mir nur noch die wichtigen Punkte vor.

Zumindest war das die Idee bei der Einrichtung. Ich hatte damals auf «Empfohlene Einstellungen übernehmen» geklickt. Ich wollte schliesslich Zeit sparen und nicht zuerst einen Vormittag lang definieren, was wichtig ist.

Während ich frühstücke, hat mein Agent bereits acht Kontakte reaktiviert, drei Missverständnisse verhindert und einem Lieferanten versichert, dass wir seine Flexibilität ausserordentlich schätzen. Ich wusste nicht, dass wir mit diesem Lieferanten überhaupt ein Verhältnis haben.

Um 08:12 Uhr erscheint eine Meldung:

> *Ihr Netzwerk entwickelt sich positiv. Die durchschnittliche Beziehungstemperatur liegt bei 8,7 von 10.*

Ich bin zufrieden. Mit meinem Nachbarn habe ich seit Wochen nicht gesprochen, aber beruflich läuft es offenbar hervorragend.

## Das erste Meeting, zu dem niemand kommen muss

Irgendwann beschliessen die Assistenten, dass der E-Mail-Austausch zu kompliziert geworden ist. Es braucht ein kurzes Abstimmungsmeeting.

Mein Agent schlägt einen Termin vor. Der andere Agent akzeptiert. Beide prüfen unsere Kalender und stellen fest, dass wir keine Zeit haben.

Das ist zum Glück kein Problem. Sie können uns vertreten.

Am Dienstag um 10 Uhr treffen sich deshalb zwei digitale Assistenten in einem Videocall. Beide bedanken sich für die Zeit des anderen. Keiner von beiden hat welche geopfert.

Nach vier Minuten steht das Protokoll:

> *Konstruktiver Austausch. Gemeinsames Verständnis geschaffen. Offene Punkte identifiziert. Nächste Schritte abgestimmt.*

Meine Zusammenfassung lautet: «Projekt weiterhin auf Kurs.» Die Zusammenfassung meines Geschäftspartners lautet ebenfalls: «Projekt weiterhin auf Kurs.»

Dass wir unter diesem Kurs zwei völlig verschiedene Dinge verstehen, wäre möglicherweise aufgefallen, wenn einer von uns anwesend gewesen wäre. Aber dafür war das Meeting ausgesprochen effizient.

## Der Konflikt wird gelöst, bevor ihn jemand bemerkt

Ein paar Wochen später bin ich verärgert. Ein Termin wurde wieder verschoben, und diesmal möchte ich klar sagen, dass es so nicht weitergeht.

Ich diktiere eine entsprechend deutliche Nachricht. Mein Assistent erkennt ein erhöhtes Eskalationsrisiko.

*Soll ich Ihre Formulierung für eine konstruktive Gesprächsatmosphäre optimieren?*

Ich klicke auf «Ja». Natürlich möchte ich konstruktiv sein. Ich bin ja kein schwieriger Mensch.

Die andere Seite erhält:

> *Wir möchten die Gelegenheit nutzen, unsere gemeinsame Zeitplanung nochmals partnerschaftlich zu schärfen.*

Der andere Assistent liest: «Leichter Abstimmungsbedarf.» Er antwortet, dass man den Impuls sehr begrüsse.

Meiner meldet zurück: «Anliegen positiv aufgenommen.» Ich gehe davon aus, dass die Botschaft angekommen ist.

**Sie ist nicht angekommen. Sie wurde unterwegs sehr sorgfältig entfernt.**

## Wir haben den Streit abgeschafft. Leider auch die Information.

In dieser kleinen Zukunft funktioniert die Kommunikation reibungslos, weil alles Störende als Fehler behandelt wird. Ärger wird geglättet, Unsicherheit übersetzt und ein entschiedenes Nein in eine Einladung zur weiteren Abstimmung verwandelt.

Das klingt zunächst angenehm. Niemand wird unhöflich, niemand schreibt im Affekt, niemand muss sich für eine schlechte Formulierung entschuldigen.

Aber mein Ärger enthielt eine Information: Diese Sache ist mir wichtig, und meine Geduld ist aufgebraucht. Die Unsicherheit meines Gegenübers hätte ebenfalls etwas bedeutet: Vielleicht ist das Projekt schwieriger, als wir bisher zugeben wollten.

Wenn unsere Assistenten beides unsichtbar machen, wird das Gespräch nicht unbedingt besser. **Es wird nur glatter.**

Vielleicht brauchen wir deshalb bald eine neue Berufsgruppe: Menschen, die aus perfekt formulierten E-Mails rekonstruieren, was jemand eigentlich sagen wollte. Der Preis richtet sich nach der Anzahl verwendeter «gemeinsam».

## Ihre Meinung wurde erfolgreich aktualisiert

Der nächste Schritt wäre noch bequemer: Mein Assistent weiss irgendwann nicht nur, wie ich schreibe, sondern auch, wie ich vermutlich entscheiden würde. Er kennt meine früheren Antworten, meine bevorzugten Anbieter und meine übliche Schmerzgrenze.

Bei Routinefragen wäre das durchaus willkommen. Ich möchte nicht bei jeder Terminverschiebung erneut meine Persönlichkeit entfalten müssen.

Nur entscheidet der Agent irgendwann auch, welche Vorschläge mich vermutlich nicht interessieren. Welche Kontakte nicht relevant sind. Und welche Diskussion er mir ersparen kann, weil ich ohnehin schon eine klare Haltung dazu habe.

So entsteht eine sehr effiziente Version von mir. Sie ist konsequent, berechenbar und überraschend schlecht darin, ihre Meinung zu ändern.

Mein digitales Ich beantwortet eine Anfrage mit den Überzeugungen vom vergangenen Herbst. Ich selbst hätte sie heute vielleicht anders gesehen. Aber dazu müsste ich sie erst einmal zu Gesicht bekommen.

Es wäre eine eigenartige Entwicklung: Ich delegiere Entscheidungen, um mehr Freiheit zu gewinnen. Und werde dabei **von einer Kopie meiner eigenen Vergangenheit verwaltet**.

## Die Beziehung wird gepflegt. Bitte nicht stören.

Natürlich bleibt es in unserem Gedankenspiel nicht beim Geschäftlichen. Wenn der Assistent schon weiss, wann ein Kunde Geburtstag hat, kann er auch meinem Freund gratulieren.

Die Nachricht ist warm, persönlich und berücksichtigt unser gemeinsames Erlebnis vom letzten Sommer. Sein Assistent antwortet ebenso herzlich. Beide Systeme vermerken, dass unsere Freundschaft stabil ist.

**Keiner von uns hat an den anderen gedacht.**

Vielleicht merken wir es erst beim nächsten echten Treffen. Wir reden über eine Geschichte, auf die ich angeblich sehr einfühlsam reagiert habe. Ich weiss nicht, wovon er spricht.

«Du hast mir doch geschrieben.» Ich lächle kurz und suche innerlich nach einer Formulierung, die mein Assistent vermutlich besser hinbekommen hätte.

Das Unangenehme daran wäre nicht, dass eine Maschine die Worte geschrieben hat. Es wäre, dass die Worte Aufmerksamkeit versprochen haben, die ich nie aufgebracht habe.

## Die grösste Maschine zur Herstellung von Rückmeldungen

Zurück im Büro hat sich inzwischen ein kleines Kommunikationsökosystem gebildet. Agenten schreiben Statusberichte, andere Agenten fassen sie zusammen, dritte Agenten prüfen, ob auf die Zusammenfassungen reagiert wurde.

Wo eine Rückmeldung fehlt, entsteht automatisch eine Nachfrage. Wo eine Nachfrage unklar bleibt, entsteht ein Abstimmungstermin.

Niemand wollte mehr E-Mails. Aber jede einzelne kostet ihren Absender praktisch keine Mühe mehr.

In meinem erfundenen Unternehmen ist deshalb das Kommunikationsvolumen explodiert. **Die menschliche Aufmerksamkeit leider nicht.** Sie wurde in den letzten drei Quartalen auch nicht erfolgreich skaliert.

Die Geschäftsleitung führt ein neues Ziel ein: weniger Abstimmungsaufwand. Mein Agent entwirft dazu eine Richtlinie und schickt sie zur Abstimmung an alle anderen Agenten.

Zum ersten Mal zeigt das System Humor. Leider unbeabsichtigt.

## Vielleicht sollten wir nicht alles abgeben, nur weil es geht

Ich werde deshalb nicht aufhören, KI für E-Mails zu verwenden. Eine klare Formulierung, eine hilfreiche Zusammenfassung oder ein zweiter Blick vor dem Absenden können sehr nützlich sein.

Aber ich möchte unterscheiden zwischen **«Hilf mir, das zu sagen»** und **«Entscheide du, was ich dazu denke»**. Zwischen einer vorbereiteten Antwort und einer Beziehung, um die ich mich nicht mehr selbst kümmere.

Die Grenze verläuft für mich nicht bei der Tastatur. Ich muss nicht jeden Buchstaben selbst tippen, damit eine Nachricht von mir ist. Aber ich sollte wissen, **was ich damit verspreche, ablehne oder zum Ausdruck bringe**.

Bei einer Terminbestätigung kann viel automatisiert werden. Bei einem Konflikt, einer Entschuldigung, einer wichtigen Zusage oder der Frage «Wie geht es dir wirklich?» würde ich genauer hinschauen.

Vielleicht könnte mein Assistent gerade dort am wertvollsten sein, wo er nicht antwortet. Sondern mir sagt: «Das sollten Sie selbst lesen.»

## Zum Schluss kommt eine ungewöhnliche Nachricht

In unserer Zukunftsgeschichte erscheint eines Morgens eine E-Mail, die mein Agent nicht recht einordnen kann. Sie enthält keinen freundlichen Einstieg, keine Zusammenfassung und keinen Vorschlag für die nächsten Schritte.

Nur zwei kurze Sätze:

> *Ich glaube, wir reden seit Wochen aneinander vorbei. Hast du zehn Minuten?*

Mein Assistent bietet drei Antwortvarianten an. Ich klappe das Auswahlfenster zu und nehme das Telefon.

Vielleicht ist das die eigentliche Frage hinter all diesen höflichen Maschinen:

**Welche Nachricht sollte Ihr Assistent für Sie schreiben dürfen, und bei welcher möchten Sie sicher sein, dass am anderen Ende wirklich ein Mensch nachgedacht hat?**