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title: "Nur weil KI es kann, sollten wir es noch lange nicht tun"
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description: "KI kann Mittelmass vervielfachen oder neue Ideen möglich machen. Warum menschliches Urteil, Können und Experimentierfreude den Unterschied machen."
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date: 2026-10-05
author: "Thomas Probst"
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  - "Künstliche Intelligenz"
  - "Webdesign"
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# Nur weil KI es kann, sollten wir es noch lange nicht tun

Stellen Sie sich vor, jemand baut mit KI hundert Websites in einem Monat. Früher hätte man nach der Grösse des Teams gefragt. Heute würde ich lieber etwas anderes wissen: *Ist auch eine wirklich gute dabei?*

Nicht eine, die auf den ersten Blick ordentlich aussieht. Eine, die ein Unternehmen unverwechselbar macht. Die ihren Besuchern etwas abnimmt. Bei der Inhalt, Gestaltung und Bedienung zusammenpassen, statt nur zufällig auf demselben Bildschirm zu landen.

Hundert Websites wären zunächst hundert Websites. Noch kein Fortschritt.

Genau darüber müssen wir reden, wenn wir über KI und Design sprechen. Denn die Möglichkeit, etwas herzustellen, beantwortet nicht die Frage, ob es hergestellt werden sollte. Und schon gar nicht, ob es gut ist.

Meine Sorge ist nicht, dass wir zu wenig produzieren werden. Meine Sorge ist, dass wir mehr vom Gleichen produzieren, obwohl wir endlich die Möglichkeit hätten, etwas anderes zu versuchen.

## Mittelmass wird nicht besser, wenn es schneller entsteht

Wer ohne gestalterischen Massstab an ein KI-Werkzeug herangeht, kann vor allem eines beschleunigen: die Herstellung von Ergebnissen, deren Schwächen er nicht erkennt. Das ist für mich die eigentliche Gefahr. Nicht der misslungene Entwurf, sondern der mittelmässige, der fertig genug aussieht, um nicht mehr hinterfragt zu werden.

Die Farben harmonieren. Die Abstände wirken ordentlich. Eine grosse Überschrift, ein gefälliges Bild, drei Kästchen mit Vorteilen und ein Button darunter. Man könnte den Firmennamen austauschen und hätte die Website des nächsten Unternehmens.

Alles da. Nur kein eigener Gedanke.

«Mach es moderner» hilft dann wenig. Auch «hochwertig», «premium» und «professionell» ersetzen keine Vorstellung davon, was an diesem Auftritt eigentlich besonders sein soll.

Mit Laientum meine ich dabei keinen fehlenden Berufsabschluss. Ich meine fehlende Erfahrung und fehlende Kriterien für die Beurteilung. Eine Unternehmerin, die ihre Kunden genau versteht und gestalterisch sorgfältig arbeitet, kann bessere Entscheidungen treffen als ein ausgebildeter Gestalter, der nur noch sein Lieblingslayout wiederholt.

**KI macht fehlendes Urteilsvermögen nicht automatisch wett. Sie kann es mit einer überzeugenden Oberfläche verdecken.** Deshalb reicht es nicht, die Werkzeuge bedienen zu können. Man muss lernen, ihre Ergebnisse zu lesen.

## Fertig ist nicht gut. Und gut ist noch nicht «great».

Katie Dill von Stripe bringt diesen Unterschied in ihrem Vortrag «[How to scale intent, quality, and artistry with AI](https://www.youtube.com/watch?v=GLvFTMtw4Jk)» auf den Punkt: «Refuse to confuse done with good.» Sie beschreibt, wie die Bewertung und Auswahl wichtiger werden, wenn sehr viele Ideen schnell gebaut werden können[1].

Ich würde den Gedanken weiterführen: Schnell ist nicht automatisch gut. Und gut ist noch nicht herausragend.

Fertig bedeutet: Ein Entwurf liegt vor. Gut bedeutet: Er funktioniert und erfüllt seine Aufgabe. Herausragend wird er dort, wo nicht nur die Einzelteile stimmen, sondern eine eigenständige, durchdachte Lösung entsteht.

Das muss nicht spektakulär aussehen. Ein Formular, das die entscheidende Rückfrage im richtigen Moment stellt, kann mehr Qualität zeigen als eine aufwendige Animation. Eine verständliche Fehlermeldung kann mehr Sorgfalt ausdrücken als eine Startseite voller Effekte.

Dill fordert deshalb eine redaktionelle Rolle: jemanden, der das gesamte Produkt aus Nutzersicht erlebt und Verantwortung für die Entscheidungen übernimmt[1]. Für mich ist genau das der Kern. KI kann Vorschläge machen und Kritik liefern; den Anspruch setzen und die Freigabe verantworten müssen wir Menschen.

Wer hundert Entwürfe erzeugt, braucht nicht weniger Urteilsvermögen. Er hat hundert Entscheidungen zu treffen.

## Können verschwindet nicht. Es bekommt einen grösseren Hebel.

In den Händen eines Menschen, der weiss, was er erreichen will, kann dieselbe Technik etwas ganz anderes bewirken. Nicht einfach mehr produzieren, sondern weiter kommen.

Ein guter Gestalter sieht nicht nur, dass eine Überschrift lesbar ist. Er beurteilt, ob sie die richtige Aussage trägt. Er erkennt, wann ein Bild zwar schön ist, aber nichts zum Verständnis beiträgt. Und er merkt, wenn drei einzeln überzeugende Abschnitte zusammen keine Geschichte ergeben.

Mit KI kann er solche Entscheidungen in Varianten übersetzen, vergleichen und weiterentwickeln. Seine Erfahrung wird nicht überflüssig. Sie bestimmt, welche Möglichkeiten er erkennt und welchen Vorschlag er verwirft.

Das ist meine Antwort auf die Frage nach dem Wert professioneller Gestaltung: nicht möglichst lange für etwas zu brauchen, das inzwischen schneller geht. Sondern zu erkennen, was aus den neuen Möglichkeiten werden könnte, und gut genug zu sein, es dorthin zu führen.

Der Unterschied liegt nicht zwischen Menschen mit und ohne KI-Zugang. Er liegt darin, was sie mit diesem Zugang anfangen.

## Die Richtung muss von irgendwoher kommen

Eigenständiges Design braucht Entscheidungen vor dem ersten Entwurf. Welche Wirkung passt zu diesem Unternehmen? Was sollen Kunden zuerst verstehen? Welche Bilder, Formen und Schriften tragen diese Aussage, und welche wären bloss Dekoration?

Stilrichtungen, Epochen und bekannte Designer können helfen, die eigene Vorstellung zu schärfen. Das Museum für Gestaltung Zürich beschreibt Josef Müller-Brockmanns Plakate beispielsweise als sachlich und formal reduziert, zugleich aber als spannungsvoll und dynamisch komponiert[2]. Die interessante Lektion ist für mich nicht, seine Plakate nachzubauen. Sondern zu verstehen, dass Reduktion nicht dasselbe ist wie Beliebigkeit.

Für eine Schreinerei würde ich deshalb nicht «eine moderne Website im Schweizer Stil» bestellen. Ich könnte verlangen: Material und Verarbeitung sollen den Einstieg tragen. Ein grosszügiges Detail statt einer austauschbaren Werkstattszene. Ruhige Typografie, warme Flächen, keine Werkzeug-Cliparts. Und eine konkrete Antwort auf die Frage, weshalb jemand hier ein Möbel bauen lassen sollte.

Das ist bereits eine gestalterische Haltung. Ob daraus ein guter Entwurf entsteht, muss anschliessend trotzdem geprüft werden.

Auch OpenAI empfiehlt, Verwendungszweck, Komposition, sichtbare Eigenschaften und Einschränkungen konkret zu benennen und Entwürfe gezielt weiterzubearbeiten[3]. Ein präzises Briefing ist also kein Zaubertrick. Es ist die Arbeit, die wir nicht überspringen sollten, nur weil die Ausführung leichter geworden ist.

## Die grössere Chance: nicht dasselbe schneller machen

Wenn wir KI nur dafür einsetzen, die bisherige Website etwas schneller fertigzustellen, nutzen wir sie vor allem als Beschleuniger. Daran ist nichts falsch. Aber als gestalterischer Anspruch wäre mir das zu wenig.

Dill fordert ausdrücklich, KI nicht nur zur schnelleren Herstellung des Bekannten zu verwenden, sondern neue Möglichkeiten zu erkunden und ungewöhnliche Ansätze zu schützen[1]. Genau hier wird das Thema für mich interessant: Welche Idee hätten wir früher nicht einmal ausprobiert, weil schon der erste Entwurf zu aufwendig gewesen wäre?

Nehmen wir wieder die fiktive Schreinerei. Vielleicht braucht sie nicht noch eine schönere Galerie. Vielleicht wäre eine kleine interaktive Materialreise hilfreicher: Kunden vergleichen Holzarten, sehen unterschiedliche Oberflächen und entdecken, welche Fragen sie vor einem Beratungsgespräch klären sollten.

Oder denken wir an einen technischen Dienstleister. Statt seine Leistung auf einer weiteren Textseite zu erklären, könnte er einen Ablauf erlebbar machen: Was passiert bei einer Störung? Welche Information wird benötigt? Was kann der Kunde selbst vorbereiten, und wann übernimmt ein Mensch?

Das sind mögliche Experimente, keine bereits realisierten Kundenprojekte. Ob sie einen Nutzen haben, müsste sich erst zeigen. Aber sie stellen eine andere Frage als «Wie sieht unsere nächste Website aus?»: «Wie könnten Menschen unser Angebot besser verstehen und nutzen?»

Nicht jede neue Idee braucht dafür KI im fertigen Produkt. Die KI kann beim Entwerfen, Programmieren und Verwerfen helfen. Das Ergebnis darf eine einfache, robuste Lösung sein.

Für mich ist das der eigentliche Sprung: **Nicht schneller bei der gewohnten Antwort ankommen, sondern mehr mögliche Antworten untersuchen.**

## Noch nie war die erste Version so wenig das Ende

Die Entfernung zwischen einer Idee und etwas Greifbarem fühlt sich heute radikal kürzer an. Was früher vielleicht als Skizze im Notizbuch liegen geblieben wäre, kann zum Ausgangspunkt eines Prototyps werden, den man ansehen, anklicken und kritisieren kann.

Aber aus dieser Nähe darf kein Zwang zur Veröffentlichung entstehen. Nur weil ein Prototyp existiert, muss er noch lange nicht auf die Website. Vielleicht ist sein wichtigstes Ergebnis die Erkenntnis, dass die Idee nicht trägt.

Ich würde die gewonnene Geschwindigkeit deshalb in Experimente investieren. Drei tatsächlich verschiedene Konzepte ausprobieren, statt drei Farben desselben Layouts. Kunden mit einer frühen Version arbeiten lassen, statt nur intern über Geschmack zu diskutieren. Einen ungewöhnlichen Ansatz weiterverfolgen, statt ihn nach dem ersten schrägen Ergebnis wieder einzustampfen.

Dazu gehört die Bereitschaft, Ergebnisse wegzuwerfen. Ein verworfener Entwurf ist kein Misserfolg, wenn er geholfen hat, die Aufgabe besser zu verstehen. Problematisch wird es erst, wenn wir alles behalten, nur weil die Maschine es schon gebaut hat.

Für ein KMU wäre mein Vorschlag: Nehmen Sie ein konkretes Kundenproblem, das bisher ungelöst blieb, und reservieren Sie bewusst Raum für einen kleinen Versuch. Nicht gleich ein neues Portal, eine App und fünf Automationen. Eine überprüfbare Idee, eine verantwortliche Person und eine klare Frage: Woran würden wir erkennen, dass das hier tatsächlich hilft?

## Anspruch ist keine Aufforderung zur endlosen Perfektion

Gute Beurteilung bedeutet auch zu wissen, wann etwas genug ist. Nicht jedes interne Formular braucht eine gestalterische Neuerfindung. Eine verständliche, zuverlässige Standardlösung kann genau die richtige Entscheidung sein.

Aber diese Entscheidung sollte bewusst fallen. Bei einer zentralen Website, einem wichtigen Produkt oder dem ersten Kontakt mit einem Unternehmen möchte ich nicht hören: «Sieht doch ganz gut aus, und es war in zehn Minuten fertig.»

Ich möchte wissen, warum es so aussieht. Was wir bewusst anders gemacht haben. Wo wir getestet, nachgebessert oder etwas weggelassen haben. Und weshalb der Entwurf für diese Menschen und diese Aufgabe der richtige ist.

KI darf uns Arbeit abnehmen. Sie sollte uns nicht die Ausrede liefern, weniger sorgfältig zu sein.

## Was wir als Agentur daraus machen sollten

Unsere Aufgabe wird nicht interessanter, wenn wir mit KI bloss mehr Seiten pro Woche ausliefern. Sie wird interessanter, wenn wir den grösseren Gestaltungsspielraum nutzen und gleichzeitig Verantwortung für das Ergebnis übernehmen.

Dazu gehört, Kunden auch von einer unnötigen Idee abzuraten. Einen hübschen Entwurf nicht freizugeben, weil er am eigentlichen Problem vorbeigeht. Und an anderer Stelle etwas vorzuschlagen, das zunächst ungewöhnlich wirkt, aber einen echten Versuch verdient.

Ich möchte KI weder verteidigen noch kleinreden. In unkundigen Händen kann sie Mittelmass vervielfachen. Mit Können, Urteilsvermögen und der Bereitschaft zu experimentieren kann sie Vorhaben in Reichweite bringen, die zuvor kaum vorstellbar waren.

Das Werkzeug allein entscheidet nicht, welche dieser beiden Entwicklungen wir fördern. Entscheidend ist, was wir von ihm und von uns selbst verlangen.

**Nur weil wir es können, sollten wir es noch lange nicht tun. Aber wenn eine Idee wirklich etwas wert ist, sollten wir uns auch nicht mehr so schnell mit «zu aufwendig» zufriedengeben.**

## Quellen

[1] Katie Dill: How to scale intent, quality, and artistry with AI. Video als Inspiration; zu Qualitätsverantwortung, Experimenten und neuen Gestaltungsmöglichkeiten.

[https://youtu.be/GLvFTMtw4Jk?is=wFg\_zEL1AOl9CWga](https://youtu.be/GLvFTMtw4Jk?is=wFg_zEL1AOl9CWga)

[2] Museum für Gestaltung Zürich: Josef Müller-Brockmann, Poster Collection 25.

[https://eshop.museum-gestaltung.ch/?op=product&id=7726](https://eshop.museum-gestaltung.ch/?op=product&id=7726)

[3] OpenAI: Image prompting. Hinweise zu Komposition, Referenzrollen, Texten und gezielter Überarbeitung.

[https://developers.openai.com/api/docs/guides/image-prompting](https://developers.openai.com/api/docs/guides/image-prompting)